Gypsy

irgendwann im märz 1989 war ich mit meinem damaligen freund in der scs. bei ikea, stoffe kaufen. wir gingen am weg retour zum auto an einer tierhandlung nicht vorbei. draussen klebten plakate mit „hauskatzen 300,-“ (das waren damals noch schillinge.) ich ging rein und fragte, haben sie siam-katzen?
man hatte.
die frau brachte mich zu einem geraeumigen kaefig in dem zwei kaetzchen waren. sie gab mir ein schlafendes raus und legte es mir auf die hand. es war nicht groesser als mein handteller. ich fragte, ob es ein kater sei. nein, aber man koenne das andere angucken. die frau hatte ein aufgewecktes fellknaeuel mit hundert pfoten in der hand und meinte, nein, auch ein weibchen. als sie es mir reichte konnte ich gerade noch den schwanz festhalten, das energiebuendel sass bereits auf meiner schulter und wollte weg. ich sagte, die nehm ich und reichte das noch immer schlafende zweite kaetzchen retour. dann kaufte ich noch, was man so braucht, ich war ja nicht vorbereitet! dieser besuch in der tierhandlung kostete mich mehr, als ich als studentin fuer ein ganzes monat zum leben hatte … also eine durch und durch „vernuenftige entscheidung“, die ich keine sekunde bereute.
eigentlich wollte ich ja einen kater und hatte mir einen namen zurecht gelegt. pablo picatzo sollte er heissen. und jetzt ein katzenmaedchen … ich war planlos, setzte die katze in die wohnung und wartete, welchen namen sie aussuchte. es dauerte nicht lange, und sie sass in einer am boden liegenden chips-packung … also gypsy! bin ich froh, dass da nicht soletti rumlagen … obwohl, soletti mochte gypsy immer sehr gerne. wir haben sie wie in der fernsehwerbung von zwei enden angegknabbert.
in diesem ersten gemeinsamen jahr machte ich urlaub. 8 wochen griechenland. gypsy konnte nicht mit und ich bat eine freundin, auf sie aufzupassen. da sie mit ihrem freund nicht im heim bleiben konnte, zog sie kurzerhand in meine wohnung ein und kuemmerte sich um gypsy. als ich zurueckkam sah ich gypsy zwei tage lang nicht. sie war ziemlich angefressen, obwohl es ihr sicher nicht schlecht ergangen war. ich merkte nur, dass sie ihr futter frass. irgendwann, wenn sie es unbemerkt tun konnte. nach zwei tagen war sie endlich wieder bereit, sich von mir sehen und angreifen zu lassen. und dann tollte sie ploetzlich wie ein derwisch durch die wohnung! ich machte mir fast schon sorgen. was war in die kleine katze gefahren? ich konnte nur feststellen, dass sie eine pflanze komplett abgefressen hatte, die meine freundin noch bei mir liess, da sie ja erst im oktober ins studentenheim zurueck konnte. anfang oktober loeste sich das raetsel, als die freundin nach „dieser pflanze“ fragte. ich sagte, gypsy hat sie gefressen. darauf gestand sie mir, sie haette die pflanze fuer einen freund in pflege gehabt, der von seiner hanfplantage jedem einen blumentopf in sommerpflege gegeben hatte … er konnte die pflanzen ja nicht ueber den sommer im heim lassen …
dann kamen wochen, in denen gypsy der einzige grund fuer mich war, in meine wohnung zurueckzukehren, weiter arbeiten zu gehen und irgendwie einen rhythmus aufrecht zu erhalten. die kleine, stille katze war einfach da, wenn es mir dreckig ging. selbst dann, wenn sonst gar niemand mehr da war.
neue freunde nahm sie ganz genau unter die lupe. und es kam schon mal vor, dass sie dachte, mich verteidigen zu muessen, wenn im bett nicht nur geschlafen wurde. so eine kleine katze in die kniekehle verbissen kann ziemlich unangenehm werden. 😉 ich konnte ihr aber gluecklicherweise relativ rasch klar machen, dass ich da nicht bedroht werde und alles in guter ordnung ist.
kurz bevor wir von wien nach guntramsdorf zogen, zeigten sich die ersten alterserscheinungen. die muskelkraft schwand, gypsy konnte die pupillen nicht mehr schliessen. eine tieraerztin – fachgebiet augen – bestaetigte, sie sieht immer noch ausreichend und gut. aber sie wird grelles licht scheuen. auch die krallen konnte sie nicht mehr richtig einziehen, verfing sich mehrmals im heizkoerper und wir mussten schon mal zur tieraerztin zum verbinden. irgendwann waren die vorwitzigen krallen ausgerissen oder sie konnte gut genug mit der neuen situation umgehen. jedenfalls lag sie nach wie vor am heizkoerper, verletzte sich aber nicht mehr. jedenfalls hatte ich sorgen, wie gypsy die uebersiedlung packen wuerde. manchesmal dachte ich, sie wuerde nicht mitkommen.
in guntramsdorf angekommen, erkundete sie das haus sehr rasch und systematisch und fuehlte sich wohl! ja, sie schien in einen jungbrunnen gefallen zu sein! es war erstaunlich, wie fit die alte katze wieder war.
als wir mit grossem bangen einen riesenwelpen – enya – nach hause brachten und ihr vorstellten, legte sie dem ungestuemen ding erstmal eine auf und blieb sitzen. wir behielten also den welpen. wir hatten uns ausgemacht, wenn gypsy es nicht will, gibt es keinen hund. gypsy wollte. guckte sich das wachsende ungetuem mit grossem interesse an, wenn es schlief und naschte auch schon mal vom hundefutter. vielleicht wollte sie ja auch so gross und stark werden.
im sommer 2004 waren freunde bei uns. mit einem neufundlaender rueden. gypsy sass unter einem sessel und allegro, der ruede war sehr an ihr interessiert und beschnupperte sie. gypsy wollte das schwarze ungetuem nicht sooo nahe und brummte. allegro ignorierte das und schon hatte er eine katzenpfote im gesicht. das verstand er und trollte sich. gypsy blieb gelassen sitzen.
kurz danach der erste grosse schrecken. sie frass nicht mehr. ein besuch bei der tieraerztin ergab, dass sie wohl zahnschmerzen haben musste. die zaehne sassen zu fest um sie ohne narkose zu reissen, eine narkose waere aber zu gefaehrlich. also antibiotika und naehrloesung. ich kaufte feuchtfutter und sie stuerzte sich wie eine hungrige loewin darauf. ich kam mir so schlecht vor, dass ich nicht schneller bemerkt hatte, dass sie nicht mehr trockenfutter fressen kann. aber gypsy erholte sich wieder. nach unter 1,4 kg brachte sie sogar wieder 1,6 kg auf die waage.
doch im dezember 2004 nahm sie ab, obwohl sie frass. sie frass sogar erstaunlich viel! und sie sprang immer noch auf den heizkoerper und auf das aquarium. aber am 23. 12. am abend frass sie nicht mehr. war ganz ploetzlich ziemlich apathisch. ich sagte zu mir, wenn sie morgen nicht frisst, rufe ich die tieraerztin an. am 24. 12. am morgen frass sie. ich hatte ein extrafeines weihnachtsmahl fuer sie. bio-futter mit lachs und reis. doch die freude war zu kurz. wenige stunden spaeter konnte sie nicht mehr trinken und ich fuehrte das schwerste telefonat seit langem. ich rief meine tieraerztin an. am morgen hatte gypsy noch einen spaziergang in den garten gemacht, jetzt wollte sie nichtmal mehr auf mir liegen.
am 25. 12. 2004 um 10.00 uhr hatten wir unseren letzten gemeinsamen termin bei unserer tieraerztin. gypsy schlief, auf meiner schulter liegend ein. das papiertuch, welches die tieraerztin unterlegte, sollte sie etwas erbrechen, hat sie mit letzter kraft abgelehnt. eine prinzessin braucht sowas nicht. und sie war eine prinzessin. ich durfte fast 16 jahre mit ihr leben und sie fehlt mir.

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